Festivalberichterstattung 2017

Deutscher NaturfilmPreis 2017

Die Preisträger des 10. Deutschen NaturfilmPreises stehen fest:

 

Bester Film | Wildnis Natur

Megeti - Africa's Lost Wolf | Regie: Yann Sochaczewski | Produktion: Doclights und Altayfilm im Auftrag von NDR, Terra Mater, France Television, u.a. 

Aus der Begründung der Jury: Wir erleben die packende und bewegende Lebensgeschichte und das Schicksal einer äthiopischen Wölfin in der Wildnis des Äthiopischen Hochlandes. Sie dient als roter Faden, um authentische Einblicke in eine weitgehend unbekannte Wildnis und ihre Ökologie zu vermitteln. Die Abhängigkeiten zwischen den dortigen Tieren und ihrer Umwelt sind meisterhaft dargestellt. Vorsichtig, aber eindringlich wird dem Zuschauer dabei die Gefährdung einer hochbedrohten Tierart und ihres Lebensraumes nahegebracht.

 

Bester Film | Mensch und Natur

Biene Majas wilde Schwestern | Regie: Jan Haft | Produktion: nautilusfilm im Auftrag von BR, ARTE, WDR und ORF

Aus der Begründung der Jury: Der Film meistert die große fachliche und auch technische Herausforderung bewegende und spannende Schicksale von Tieren, die für uns meist nur sommerliche Kulisse sind, (für menschliche Augen) sichtbar und erlebbar zu machen. Unaufdringlich weist „Biene Majas Wilde Schwestern“ auf die Abhängigkeiten zwischen Menschen und Wildbienen hin und inspiriert dazu diese Beziehung nicht nur für uns zu entdecken, sondern mit kleinen und großen Taten nachhaltig zu unterstützen.

 

Jury-Preis für herausragende Leistungen

Für das beste Buch:  Zugvögel – Kundschafter in fernen Welten | Petra Höfer und Freddie Röckenhaus

Aus der Begründung der Jury: Auf dramaturgisch sehr spannende und berührende Weise vermittelt der Film den neuesten Stand der Forschung über Zugvögel. Wir begleiten einzelne Vögel von Geburt an und bei ihrem Flug über die Kontinente. Das Buch gewährt dabei Raum für humorvolle und persönliche Geschichten und verknüpft diese geschickt mit faszinierenden Erkenntnissen und den noch unerforschten Geheimnissen zum Flug der Zugvögel.

 

Jury-Preis für herausragende Leistungen

Für das beste Buch: Lemminge - Kleine Giganten | Zoltán Török

Aus der Begründung der Jury: Das Buch kombiniert auf kluge Weise Humor, effiziente Dramaturgie und komplexe Zusammenhänge und ermöglicht so die echte Entdeckung eines legendären und sympathischen Tieres. Es gelingt dem Autor die vielfältige Bedeutung der Lemminge in ihrem Ökosystem herausragend darzustellen.

 

Jury-Preis für herausragende Leistungen

Für die beste Kamera: Wildes Neuseeland - Im Reich der Extreme | Robert Morgenstern, Christina Karliczek-Skoglund, Alexander Haßkerl, Pim Niesten, James Reardon, Moritz Katz

Aus der Begründung der Jury: Südlichte Polarlichter, Flüsse und Wasserfälle aus Eis, atemberaubende Bergkulissen, spektakuläre Makroaufnahmen, alles hautnah und einfach nur magisch schön: Wildes Neuseeland – Im Reich der Extreme protzt mit Bildern, jedes Einzelne spektakulär und aufwändig in Szene gesetzt, und entführt den Zuschauer auf eine abenteuerliche und bildgewaltige Reise an eine der entlegensten und extremsten Regionen der Welt.

 

Preis der Kinderjury

Amerikas Flüsse – Der Los Angeles River | Regie: Katja Esson | Produktion: rbb/ARTE

 

Publikumswahl 

Biene Majas wilde Schwestern | Regie: Jan Haft | Produktion: nautilusfilm im Auftrag von BR, ARTE, WDR und ORF

 

Kinderfilmwettbewerb

Nominierungen: 

Robin Lange | Wasser ist Leben (Preisträger 2017)

Jaron Schwerdt | Mit offenen Augen an Harzer Gewässern

 

Die beste Mischung aus Emotion und Information

Ein Naturfilm soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch berühren. Das ist wohl die Kernbilanz des Darßer NaturfilmFestivals und der Jury, die am Samstagabend den Darßer NaturfilmPreis verliehen hat. „Megeti – Africa´s Lost Wolf“ von Yann Sochaczewski und Henry M. Mix erhält den Preis für den besten Film in der Kategorie „Wildnis Natur“. In der zweiten Kategorie „Mensch und Natur“ kürte die Jury Jan Hafts „Biene Majas wilde Schwestern“ zum Sieger.

„Wissen reicht nicht aus, das emotionale Lernen ist besonders wichtig. Und dazu bringt dieser Film den Zuschauer auf einfühlsame Weise“, begründet Jurymitglied Professor Dr. Manfred Niekisch die Entscheidung für „Majas Wilde Schwestern“. Der Film mache Abhängigkeiten zwischen Menschen und Wildbienen sichtbar und auf berührende Weise erlebbar. Zusätzlich vermittle der Film, technisch und fachlich äußerst korrekt, wichtiges Wissen zum Thema Insektensterben.

Auch „Megeti“ punkte mit dieser Mischung aus Wissen und Emotion: „Der Film begeistert nicht nur mit der atemberaubenden Geschichte der einsamen Wölfin, sondern erzählt auf sensible und eindringliche Weise, was für banale Fakten zur Beinahe-Ausrottung einer extrem seltenen Art führen können“, sagt der Direktor des Frankfurter Zoos und Professor für Internationalen Tierschutz an der Goethe Universität Frankfurt. Sochaczewski und Mix hätten es außerdem wohl als Erste geschafft, die Löwen zu filmen, die im äthiopischen Nebelwald leben. „Erst seit Kurzem ist überhaupt bekannt, dass es sie gibt“, schwärmt Niekisch. Dabei hatten die Filmemacher zunächst gedacht, sie müssten die Dreharbeiten wieder abbrechen, erzählt Henry M. Mix auf der Bühne. „Während der Dreharbeiten ist ein Drittel aller Wölfe an einer Staupe-Epidemie gestorben. Wir haben fast keine mehr gefunden“, berichtet er. Mix ist sichtlich überrascht von der Auszeichnung. „Wir haben uns einfach in die Hände der Natur begeben und auf das reagiert, was wir in ihr vorgefunden haben.“

Durch den Abend führte Eric Mayer, Moderator des ZDF-Wissensmagazins für Kinder und Jugendliche „pur+“, ihn begleitete die Naturfilmmusik von Oliver Heuss, gespielt vom Hamburger Nathan Quartett.

In den weiteren Kategorien „Publikumswahl“ und „Preis der Kinderjury“ haben Jan Haft mit „Biene Majas Wilde Schwestern“ und Katja Esson mit „Amerikas Flüsse – Los Angeles River“ gewonnen. Die Jury-Preise für herausragende Leistungen erhielten Petra Höfer und Freddie Röckenhaus mit „Zugvögel – Kundschafter in ferne Welten“ für das Buch, sowie Robert Morgenstern für die Kamera von „Wildes Neuseeland – im Reich der Extreme“. Auch das Buch für „Lemminge – Kleine Giganten“ erhielt einen Jurypreis.

Der Chefredakteur und stellvertretende Direktor des NDR in Mecklenburg-Vorpommern, Joachim Böskens, beschrieb in der Festrede seinen großen Respekt vor den Filmschaffenden und ihrer Arbeit: „Film ist ein Medium, das die Lücke schließen kann. Die Lücke zwischen der Natur und denjenigen Menschen, die noch nicht den Weg zu ihr gefunden haben.“

Text: Judith Blage

 

Darßer NaturfilmFestival 2017 

 

Film ab für Kinder – das Familienprogramm des Darßer NaturfilmFestivals

„Die Tiere haben oft nicht das gemacht, was ich wollte. Man muss viel Geduld haben“, beschreibt Jaron Schwerdt die Herausforderungen der Naturfilmerei. Der 11-Jährige und der 12-jährige Robin Lange hatten selbst gedrehte Filme eingereicht und warten am Samstagvormittag auf die Verleihung des Kinderfilmpreises des Naturfilmfestivals in der Darßer Arche. Zum Thema „Wasser ist Leben“ hat Jaron in seiner Heimat, dem Harz, Tiere und Pflanzen rund um einen Bach im Wald portraitiert. Ihm sind Aufnahmen von Wasseramseln und einem Feuersalamander gelungen. Den Preis, eine Olympus Fotokamera, gewinnt aber Robin Lange: Er hat fast einen richtigen kleinen Lehrfilm über den Wasserverbrauch der Menschen gedreht, sogar kleine Animationen eingefügt. „Bei mir war eher die Technik schwierig“, sagt er fachmännisch. Jaron ist kein bisschen neidisch. Er klopft Robin auf die Schulter und sagt: „Das hast du sehr gut gemacht.“ Anschließend feierten die Filme des Jugend-NaturfilmCamps ihre Premiere. Neun Kinder zwischen 10 und 14 Jahren haben im August gemeinsam mit Medienexperten eigene kleine Naturfilme produziert. Drei Nächte lang schliefen sie im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft im Zelt und konnten erleben, wie es vor oder hinter der Kamera so ist. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Ein Film heißt „Jeffs Wildnistipps“, darin stellt sich ein junger Moderator mit eindrucksvoller Selbstironie als „Jeff Wolfskin“ vor. Er demonstriert dem Zuschauer, was zu tun ist, wenn man mit einem Schlauchboot auf dem Darß strandet und fortan als Selbstversorger leben muss. Brombeeren könne man essen, mit einer Plastiktüte Trinkwasser durch Kondensation gewinnen und wilden Spitzwegerich auf Mückenstiche reiben. Nachts müsse man aber dringend die Jugendherberge aufsuchen: „Es ist verboten, in einem Nationalpark draußen schlafen.“ Zum Abschluss des Familienprogramms war „Etmia und ihr Wohnschiff“ zu sehen. Klaus Tümmler portraitiert darin das Mädchen Etmia und ihre Familie, die mitten in Berlin in einem ehemaligen Baukahn leben. Auf ihrem Wohnschiff nisteten im vergangenen Jahr Stockenten. Eines Tages kehrte die Entenmutter nicht mehr zu ihrem Gelege zurück – da musste Etmia einspringen und die Küken aufziehen. Nach der Vorführung kam Etmia auf die Bühne und berichtet, dass die sechs Enten, wovon zwei Butterblume und Lavendel heißen, inzwischen junge Erwachsene seien. „Manchmal füttern wir sie noch, dann bringen sie sogar ihre Freunde mit. Dann kommen nicht sechs, sondern zwanzig Enten zu Besuch.“

Text: Judith Blage

 

Von Kiwis und Killerschnecken

Die Vorführung des Beitrags „Wildes Neuseeland – Reich der Extreme“ war brechend voll. Der Film zeigt vor allem die südlichen Regionen Neuseelands und erzählt von Kiwis, seltenen Seelöwen, faustgroßen Killerschnecken, sowie den berühmten „Glow Worms.“ Die Pilzmückenlarven hängen in der Waitomo Cave von der Decke und leuchten blau – ein faszinierendes Schauspiel. Mehr als 2,5 Jahre reiste Robert Morgenstern mit seinem Team immer wieder nach Neuseeland, um die beeindruckenden Bilder einzufangen. Dafür musste er komplizierte Absprachen mit lokalen Stammesfürsten der Maori treffen. „Wenn man Maorigebiet betreten will, muss man zunächst vor einer Versammlung seine Herkunft darlegen. Ganz nach Maori-Sitte musste ich angeben, dass mein Fluss die Elbe ist, die sächsische Schweiz mein Berg“, erzählt er nach der Vorführung. „Auch meine Ahnenreihe bis zum Urgroßvater musste ich herunterrattern“, lacht er. Manches Mal habe es bis zu ihrer Erlaubnis, an einem bestimmten Strand drehen zu dürfen, länger als drei Wochen gedauert. „Und oft sind wir acht Stunden lang einen Berg für eine Ausbeute von 15 Sekunden Film hinaufgeklettert“. Aber die Strapazen haben sich gelohnt: Der junge Naturfilmer konnte die Dreharbeiten in Zusammenarbeit mit Filmemachern von BBC bestreiten. „Ich habe sehr viel gelernt“, sagt er. Und gewonnen hat er auch noch – einen Jurypreis für herausragende Leistung in der Kategorie „Kamera“.

Text: Judith Blage

 

Soll Naturfilm gefallen oder aufrütteln?

Den Deutschen NaturfilmPreis gibt es seit genau zehn Jahren – die beste Gelegenheit, um einige Preisträger der vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen. Am Freitagabend trafen sich die vier Gewinner Jan Haft, Bettina Borgfeld, Oliver Götzl und Max Mönch auf der Bühne der Darßer Arche zu einer Diskussionsrunde. Lother Frenz, Biologe und Kuratoriumsvorsitzende der Deutschen NaturfilmStiftung, moderierte das Gespräch. Das wichtigste Thema war der unterschiedliche Arbeitsansatz, den die Filmer teilweise repräsentieren: Bettina Borgfeld beispielsweise hatte 2012 den Preis für einen kritischen und politischen Film über extensiven Sojaanbau gewonnen. Auch Max Mönch, der zwei Mal, in den Jahren 2014 und 2016, den Preis erhalten hatte, widmet sich Themen, die die Menschen empören und aufrütteln. Jan Haft wiederum ist bekannt für seine Fähigkeit, die heimische Natur in so ungewöhnlichem und überraschendem Licht zu zeigen, wie sie noch nie jemand gesehen hat – ein klassischer Naturfilmer also. Oliver Götzl richtet seine Kamera ebenfalls vor allem auf die Schönheiten der Wildnis, weniger häufig auf ihre Zerstörung. „Damit wir uns darum kümmern, etwas nicht zu verlieren, müssen wir es ja erst einmal kennen und wertschätzen“, argumentiert Jan Haft. „Die Entfremdung von der Natur ist so weit fortgeschritten, dass die Menschen erstmal entdecken müssen, was um sie herum alles kreucht und fleucht. Und wenn sie dann noch sagen können: schau wie geil. Dann bekommen sie eine Beziehung dazu.“ Damit habe er Recht, sind sich die Kollegen einig. „Trotzdem kann Empörung Entscheidungen anstoßen, die richtig und gut sind“, entgegnet Max Mönch. Der Berliner Filmemacher hatte unter anderem mit „Natur unter Beschuss“ eine kritische Dokumentation über die ökologischen Folgen des Krieges gedreht. „Ich habe da ein gutes Beispiel: Als ich einmal meine Steuererklärung verschieben musste, durfte ich das nur, weil der zuständige Beamte gerade eine Doku von mir gesehen hatte, über deren Thema er sich furchtbar aufgeregt hat. Empörung funktioniert eben“, lacht er, und mit ihm der gesamte Saal. Während der Diskussionsrunde waren immer wieder Ausschnitte aus den Arbeiten der vier prämierten Filmemacher zu sehen. Einige ließen das Publikum an den Pannen und Strapazen teilhaben, die die Filmer immer wieder während der Dreharbeiten erdulden müssen. Oliver Götzls Filmausrüstung beispielsweise war einmal auf einem sibirischen Floß von mehr als fragwürdiger Qualität in den winterlichen Ural getaucht – glücklicherweise war die Ausrüstung nicht kaputtgegangen. Außerdem diskutierten die Preisträger darüber, wie viel Humor in einen Naturfilm hineindarf. Max Mönch hatte einmal einen Forscher den Kontinentaldrift mittels einer Sachertorte und einem Küchenmesser vor der Kamera demonstrieren lassen. Er findet, für Schalk sei immer genug Raum: „Es ist doch schön, wenn Filmemacher Synapsenfasching beim Zuschauer erzeugen können.“

Text: Judith Blage

 

„Fliegen ist für Vögel wie Fahrradfahren für Menschen“

Zugvögel nehmen Jahr für Jahr unfassbare Strapazen auf sich: Störche beispielsweise fliegen von Deutschland nach Kenia und wieder zurück. Von zwanzig Milliarden Singvögeln weltweit kehrt nur die Hälfte im Frühling wieder, sie sterben unterwegs. Doch warum ziehen die Vögel, wenn es doch für einige auch hier genug Nahrung gibt? Diese Frage stellt der für den Deutschen NaturfilmPreis nominierte Streifen „Zugvögel – Kundschafter in ferne Welten“ von Petra Höfer und Freddie Röckenhaus. Die abendfüllende Vorführung am Donnerstagabend war ausverkauft. Und die Aufnahmen sind spektakulär: Mit modernster Kameratechnik begleiteten die Filmemacher den Storch Borni und seine Geschwister auf seiner Reise mit einem Kamerahelikopter. Besonders atemberaubend ist die Überquerung der Straße von Gibralter nach Afrika: Müssen die Störche auf dem Wasser notlanden, ist ihnen der Tod sicher. Vor Stress übergeben sich die großen schwarz-weißen Vögel, aus ihren Schnäbeln quellen blaue Futterkugeln. So nah dabei zu sein, ist für den Zuschauer ehrfurchtgebietend. Die Macher des Films stützen sich auf die Daten des Ornithologen Martin Wikelski, der mit winzigen Sendern auf den Rücken der Vögel ihre Flugrouten ausmisst. Die Daten werden in Grafiken und Animationen anschaulich visualisiert, leuchtende Streifen auf dreidimensionalen Karten zeigen beispielsweise die Flugrouten an. Die Zuschauer vergaben anschließend Punkte, die später für den Publikumspreis ausgewertet werden. „Mich hat der Film so beeindruckt, dass ich sieben Punkte gebe. Sieben bedeutet „oscarreif“, sagt Günter Scherr, ein Besucher der Vorführung. Die Filmemacher fehlten bei der Veranstaltung: Leider ist Petra Höfer überraschend verstorben. Dafür war jemand da, der sich wirklich mit Zugvögeln auskennt: Dr. Günter Nowald, Leiter des Kranichzentrums Groß Mohrdorf, beantwortete anschließend im Gespräch mit Moderator Michael Miersch die Fragen des Publikums. Zum Beispiel: „Wenn die Vögel doch monatelang in Afrika leben, wo ist ihr Zuhause? In Deutschland oder Afrika?“ Die Antwort scheint logisch, weil Vögel den Menschen in dieser Sicht offenbar sehr ähnlich sind. Nowak: „Immer da, wo die Kinderstube ist - in Deutschland.“

Text: Judith Blage

 

Tierfilmer leben wild

Für die kleinen Besucher war im Schulprogramm „Kakadu“ des Darßer NaturfilmFestivals am Donnerstagvormittag ein Portrait des deutschen Naturfilmers Jan Haft zu sehen. Es stammt aus der Reihe „Passion for Planet“ von Werner Schüssler, in der fünf bekannte Naturfilmer der Welt und ihr Arbeitsalltag im Mittelpunkt stehen. Und der von Jan Haft zumindest ist spannend: Er reist um die Welt, sieht wilde Tiere, und beherbergt in seinem Schneidebüro Fledermäuse, die lustig kopfüber über seinem Schreibtisch schaukeln. Nachmittags paddelt er mit seinem Sohn auf einem nahegelegenen Wasserlauf herum und sucht nach Fröschen. Aber manchmal ist das Leben als Naturfilmer auch beschwerlich: Haft muss in einem Baum sitzend warten, stundenlang, nahezu bewegungslos, bis die Seeadler im Nest etwas Spannendes veranstalten, das sich zu filmen lohnt. Als in einer Szene die Seeadler an einem Hirschkadaver fressen, raunt ein „Iiiiiiiiiieh“ durch den Kinosaal des Hotels. Aber am Ende fanden es die meisten der 200 Schüler der Regionalschule Zingst eben doch spannend: „Wer kann sich vorstellen, stundenlang auf einem Baum zu sitzen und Seeadler zu beobachten, wie im Film?“, fragt Moderatorin Stefanie Neumann nach der Filmvorführung im Hotel Vier Jahreszeiten Zingst. Mindestens 130 Zeigefinger sind in der Luft - tatsächlich begeistert sich auch die Smartphone-Generation noch für Tiere. „So lange es dort keine Schlangen gibt“, raunt es aus einer hinteren Reihe, in der lauter etwa zehnjährige Mädchen sitzen. Die Kinder sind sehr unterschiedlichen Alters, von der ersten bis zur zehnten Klasse sind alle vertreten. Die Rektorin der Schule, Simone Stolarek, verwundert die Begeisterung nicht. „Das Interesse für Natur hat nichts mit dem Alter zu tun. Da kriegt man alle mit“, sagt sie.

Text: Judith Blage

 

Kamerafrauen sind immer noch selten

Die Vorführung des für den Deutschen NaturfilmPreis nominierten Films „Klippschliefer – Überlebenskünstler in Südafrika“ am Donnerstag ist so voll, dass nicht alle Besucher in den Filmsaal der Darßer Arche passen. Und das, obwohl Klippschliefer ziemlich merkwürdige Tiere sind, die in Europa kaum einer kennt. Genau deshalb hat Marlen Hundertmark den Film über die kleinen Pelztiere gedreht: „Niemand kennt sie, in vielen Tierfilmen kommen sie höchstens als Nebendarsteller vor. Dabei sind sie sehr putzig und haben ein differenziertes Sozialleben“, beschreibt Hundermark ihr Interesse an den Klippschliefern. Insgesamt fünf Monate verbrachte sie in der Kapregion Südafrikas „um tagelang regungslos in den Klippen zu hocken und zu filmen“, wie sie selbst sagt. Selbst in Südafrika verschwende eigentlich niemand einen Gedanken an die Tiere. „Südafrikaner, die an mir vorbeiwanderten, fragten mich, was ich denn von den dicken Ratten in den Felsen wolle. Sie hielten mich offensichtlich für durchgeknallt“, lacht sie. Dabei muss man ja nur genau hinsehen, um Klippschliefer bestaunenswert zu finden: Sie sind braune, nagerähnliche Wesen, die aber biologisch keine Nager sind. Man darf sie sich ein wenig vorstellen wie kurzhaarige Ewoks, die fremdartigen kleinen Wesen aus Star Wars. Ihre „Füße“ verwenden sie wie kleine Saugnäpfe und springen über die Klippen Südafrikas, oft sitzen sie aufeinander in Klippenspalten – ein ungewöhnlicher Anblick. Sie kommunizieren miteinander in fremden Lauten, zum Beispiel dann, wenn sich ein Raubvogel nähert. „Es gibt wissenschaftliche Arbeiten, die beschreiben die Syntax ihrer Kommunikation und vergleichen sie mit Walgesängen“, schwärmt Hundertmark. Sie hat sich sogar ein wenig mit den Tieren angefreundet: „Die Jungen waren sehr neugierig. Vor allem meine Füße fanden sie sehr interessant.“ Hundertmark ist eine junge Frau – das ist sehr ungewöhnlich unter Tierfilmern. Zuvor hatte sie bereits als Kamerafrau bei einer renommierten Tierfilmproduktionsfirma gearbeitet. Jetzt hat sie sich selbstständig gemacht mit ihrer eigenen Firma, die „Green Sheep“ heißt. „Den Film zu machen war auch harte körperliche Arbeit“, betont sie. Jeden Tag gehe ein Tierfilmer weite Strecken mit schwerem Gepäck, sei lange alleine. „Ich denke, die meisten Frauen interessieren sich nicht so brennend für die Tierfilmerei, dass sie dafür monatelang alleine im Schlamm sitzen wollen. Ich schon“, grinst sie.

Text: Judith Blage

 

Das berührende Familienleben einer extrem seltenen Art

Das erste Abendprogramm am Mittwoch füllte die Vorführung des Films „Der Kleine Panda – Verborgen im Himalaya“ von Axel Gebauer. Er hatte bereits 2013 den Deutschen Naturfilmpreis mit einem Film über seine Heimat, die Lausitz, gewonnen. Seine neue Arbeit handelt von den extrem seltenen roten Pandas, die ein wenig aussehen wie eine Mischung aus Katze und Bär. Der Film zeigt das Familienleben einer Pandadame, die ihr Junges mit dem Namen „Tashi“ in den Bergwäldern Nepals aufzieht. Die intime Mutter-Kind-Geschichte entlockt dem Publikum zahlreiche As und Os. Um den Panda so detailliert filmen zu können, war Gebauer sechs Mal nach Nepal, Bhutan und Sikkim gereist und dabei an seine körperlichen Grenzen gestoßen. „Die Wälder liegen auf bis zu 3000 Metern Höhe, da sind wir oft ins Schnaufen gekommen. Bis zu zehn Kilometer mussten wir täglich hinaufklettern“, berichtet der Tierfilmer bei der anschließenden Diskussion des Films auf der Bühne. Es sei äußerst schwierig gewesen, den scheuen Panda für die Aufnahmen zu finden. „Ich bin auch noch farbenblind. Einen roten Panda im grünen Baum zu sehen, war für mich unmöglich“, sagt Gebauer. Also suchten mehrere Helfer täglich mit Ferngläsern die Täler ab. Ihm selbst seien bei der möglichst bewegungslosen Filmerei ständig die Beine eingeschlafen. Aber die Mühen haben sich gelohnt. Er hat rührende Szenen festhalten können: Eine davon zeigt das Junge, wie ihm aus Furcht vor einem Fressfeind die pelzigen Ohren zittern – die Zuschauer goutieren die Szene mit einem entzückten Raunen. „Der Panda ist mein absolutes Lieblingstier“, schwärmt der Tierfilmer. Deshalb erinnere er sich auch besonders gerne an ein Erlebnis beim Filmdreh: „Ich saß absolut still, so dass mich die Pandamutter nicht bemerkte. Sie stand fünf Meter vor mir und ich war starr vor Ehrfurcht. Und dann klingelte mein Handy, der Ton ist der Ruf eines anderen roten Pandas – und schon war die Pandamutter wieder verschwunden“, erzählt Gebauer, der einmal Direktor des Naturschutzparks Görlitz war, auf der Bühne. Eine Besonderheit des Films ist außerdem die weibliche Sprecherstimme. Eva Matthes erzählt die Geschichte rund um Tashi und ihre Mutter. „Wir fanden, dass eine Tiergeschichte rund um Mutterliebe einfach am besten mit einer Frauenstimme klingt“, fügt Gebauer hinzu.

Text: Judith Blage

 

Stürmischer Anfang

Am Mittwoch hat Lothar Frenz gemeinsam mit den Bürgermeistern der drei Darß-Gemeinden das Darßer NaturfilmFestival im Kulturkaten Prerow eröffnet. „No Water, No Life. No Blue, No Green“ - Das Zitat der Meeresbiologin Sylvia Earle bildet in diesem Jahr den Schwerpunkt des Festivals: Neben den nominierten Filmen werden sich viele weitere Programmpunkte rund um die Wildnis im Meer drehen, passend zum internationalen Wissenschaftsjahr „Meere und Ozeane“.

Bei der Eröffnung hat sich sogar das Wetter an das Motto gehalten: Es hat dermaßen geregnet und gestürmt, dass die zahlreichen Zuschauer nun passend auf die Geschichten in und um die nasse Unterwasserwelt eingestimmt sind. Außerdem, wo lässt sich die Natur bei Regen und Sturm am besten genießen? Richtig, am besten im Kino. Den Auftakt bildete der Beitrag „NaturNah – Einsatzort Inselparadiese und Meer“ von Christina Walther. In der Produktion des NDR begleitet geht es um den WWF-Schutzgebietsbetreuer Florian Hoffmann, den Walther auf seinen spannenden Einsätzen auf dem Greifswalder Bodden sogar mit einem Kleinflugzeug begleitet hat. Während des Drehs scheute Walther keine Unannehmlichkeiten, wie sie auf der Bühne nach der Vorführung erzählt: „Als wir die Nistplätze der Kormorane inspiziert hatten, war unsere Kamera danach von oben bis unten von den Vögeln vollgeschissen. Und wir auch. Sogar im Nacken“, bemerkt sie trocken. Inzwischen sei aber alles wieder sauber. Was den vollen Kinosaal ungläubig auflachen lässt, ist die erfahrene Filmemacherin und NDR-Redakteurin gewohnt: „So ist das eben, wenn man Filme in der Natur und mit Tieren dreht.“

Text: Judith Blage